ÖSTLICHES TAGLIED_Rilke_R.M.


Ist dieses Bette nicht wie eine Küste,
ein Küstenstreifen nur, darauf wir liegen?
Nichts ist gewiß als deine hohen Brüste,
die mein Gefühl in Schwindeln überstiegen.

Denn diese Nacht, in der so vieles schrie,
in der sich Tiere rufen und zerreißen,
ist sie uns nicht entsetzlich fremd? Und wie:
was draußen langsam anhebt, Tag geheißen,
ist das uns denn verständlicher als sie?

Man müßte so sich ineinanderlegen
wie Blütenblätter um die Staubgefäße:
so sehr ist überall das Ungemäße
und häuft sich an und stürzt sich uns entgegen.

Doch während wir uns aneinanderdrücken,
um nicht zu sehen, wie es ringsum naht,
kann es aus dir, kann es aus mir sich zücken:
denn unsre Seelen leben von Verrat.

ROEMISCHE ELEGIEN_Goethe_J.W.


Euch, o Grazien, legt die wenigen Blätter ein Dichter
Auf den reinen Altar, Knospen der Rose dazu,
Und er tut es getrost. Der Künstler freuet sich seiner
Werkstatt, wenn sie um ihn immer ein Pantheon scheint.
Jupiter senket die göttliche Stirn, und Juno erhebt sie;
Phöbus schreitet hervor, schüttelt das lockige Haupt;
Trocken schaut Minerva herab und Hermes, der leichte,
Wendet zur Seite den Blick, schalkisch und zärtlich zugleich.
Aber nach Bacchus, dem weichen, dem träumenden, hebet Cythere
Blicke der süßen Begier, selbst in dem Marmor noch feucht.
Seiner Umarmung gedenket sie gern und scheinet zu fragen:
Sollte der herrliche Sohn uns an der Seite nicht stehn?

IM ENTSCHLUMMERN_Falke_G.


Leise Füße gehn im Gras,
Eine Stimme flüstert was.
Ich hör es deutlich vom Garten her;
Ein Halbschlaf drückt die Lieder schwer.

Es spielt in meinen Traum hinein:
Die Füße müssen meine sein,
Sie wandeln her, sie wandeln hin,
Vergangenes geht mir durch den Sinn:

Viel süßer Duft und Sonnenlicht,
Und eine Hand, die Rosen bricht.
Vor ihrem Bilde glühten sie,
Vor ihrem Bild verblühten sie.

Der Schlaf drückt mir die Augen schwer.
Ich höre die leise Stimme nicht mehr.
— Vor ihrem Bilde glühten sie,
— Vor ihrem Bild verblühten sie.

SONNEN NIEDERGANG_Slippenbach_U.



Ein Frühlingstag mit hellem Sonnenleben
Erwacht in blüthenreicher Flur,
Und was der Himmel segnend ihr gegeben,
Gab mütterlich ihm die Natur.
Den lichten Glanz, die reiche Blumenfülle,
Des reinsten Daseyns warmen Strahl,
Des wolkenfreyen Himmels heil’ge Stille
In einem heitren Frühlingsthal.
O schöner Tag! der Erde aufgegangen,
Um hell und licht in deinem Reiz zu prangen.

Und wollen auch die Stürme sich erheben,
Sie weichen vor des Lichtes Strahlenkranz,
Und selbst des Abends kühle Schatten weben
Den Schleyer nicht um dieses Tages Glanz.
Er sinkt, so wie er freundlich aufgegangen,
Nur Abendroth zeigt sein Entschwinden an,
Und wo die fernen Welten ihn empfangen,
Beschließen Sterne seine Bahn;
Selbst wenn schon nächtlich tiefe Dunkel wallen,
Hört man Gebete lange noch erschallen.

So war Dein Aufgang, so Dein Niedersinken,
Du, Deines Landes holder Frühlingstag;
Du zogst dahin, wo helle Sterne winken,
Dahin, wo Deine rechte Heimath lag.
Du schiedest, Fürstin, so von Deinem Throne,
Wie von dem Leben, in dem höchsten Glanz,
Und schimmernder als Deine Fürstenkrone
War Deiner Anmuth Strahlenkranz;
Dein Abendroth wird noch in Liebe glühen,
Wenn tiefe Schatten unsre Welt umziehen.

IM FELD EIN MÄDCHEN SINGT…_Susmann_M.

Im Feld ein Mädchen singt –
Vielleicht ist ihr Liebster gestorben,
Vielleicht ist ihr Glück verdorben,
Daß ihr Lied so traurig klingt.

Das Abendrot verglüht –
Die Weiden stehn und schweigen –
Und immer noch so eigen
Tönt fern das traurige Lied.

Der letzte Ton verklingt. –
Ich möchte zu ihr gehen.
Wir müßten uns wohl verstehen,
Da sie so traurig singt.

FRÜHLINGSMOND_von_Hatzfeld_A.


Noch hängt ein scheues Vogellied im dünnen Laubgeäste
Und wird ein großer Wind. Mit mächtiger Gebärde
Stößt die Erde, die längst den heißen Saft
In Millionen Samenkörner preßte,
Geburten aus in Mutterleidenschaft
Und trägt den ewigen Rhythmus ihrer Riesenkraft,
Die ewige Not, zum Jubel eines ewigeren Werde.

Jetzt bäumen Meere ihre Pantherleiber.
Die Sterne stürzen zum Planetenball.
In diesen Nächten stöhnen tausend Weiber
Und werfen tausend Kinder in das All.
Der Hochgebirge Wollust sind Lawinen.
Die Quellen sind der Täler Blütenlauf.
Den Duft von Wäldern tragen junge Bienen,
Und Tage tauen blau zu Blumen auf.
Geliebte gehn mit weißen Brüstehügeln
Und einem Lächeln, das von selbst begann,
Durch süße Nächte, gehen wie mit Flügeln
Und tragen sich wie ein Geschenk zum Mann.

Ein scheues Vogellied hängt noch im Laubgeäste.
Vom Horizonte schwebt der junge Mond
Wie eine Knospe, die sich zärtlich schont,[98]
Und horch, der Vogel ruht in seinem Neste.
Der Knospenmond blüht erst zum Sommerfeste.
So schwimmt er sanft auf taubenblauem Dunst.
Der Abend, der die Seelensehnsucht an ihn preßte,
Verheißt uns schon die Rose seiner Gunst.

DIE NATUR_Brezina_O.


Es tönten melodisch die verborgenen Quellen und mein Tag sang sein Lied zu dieser Musik
an den melancholischen Gestaden.
Die Trauer einstigen Lebens, aus dem ich hervorging, entstieg allen Düften
und dem Flüstern der Bäume und dem schweren Geläut der Insekten über den Wassern,
und ganze Jahrhunderte lagen zwischen ihnen und meiner blumenpflückenden Hand,
zwischen meinen Augen und der Welt voll Geheimnis,
die mit tausend fragenden Blicken stumm meine Seele durchforschte.

Gewölk verdunkelte die westliche Sonne. Und meine Seele befragte die Winde:
Sind dieses nahende oder fliehende Wolken?
Verstummten die Winde, zu gehorsamen Spiegeln glätteten sich die Wasser,
und die Sterne, wie Brände in den kalten Wogen strahlender Meere verlöschend,
erbrausten und rauschten über mir, unsichtbar:
Es schwindet das Licht nur beim Nahen größeren Lichtes,
eines noch größeren, größeren Lichtes.

JUNGFRAU von TREIDEN_Cammerer_A


Ein Oheim, der die Gartenkunst
In Meisterschaft betrieben:
War noch, in langbewährter Gunst,
Dem Jüngling hold geblieben.

Sein liebes Thal-Asyl umwand
Ein Garten, sonder Gleichen;
Denn alle Gärten, weit im Land‘,
Sie mussten diesem weichen.

Und hier, in ländlicher Natur,
Gewiegt auf ihrem Throne;
Vertraut mit Blumen jeder Flur,
Mit Blüthen jeder Zone!

Hier, in der besten Schule war
Die Probe bald gelungen;
Der Jüngling sah, nach Einem Jahr,
Den Meistergrad errungen!

SONNE_Dehml_P.

Sonne scheint draußen und scheint in die Stube,
unten am Boden kugelt mein Bube,
greift nach den schimmernden, flimmernden Stäubchen;
ich sitze am Fenster und nähe ein Häubchen,
ein ganz kleines Häubchen aus weißem Batist.
Ob’s wohl ein Mädel ist?—
Und hat’s seine Augen, seinen trotzfrohen Sinn,
dann weiß kein Mensch, wie glücklich ich bin!
Bloß Er—Er—sein liebes Gesicht— —
„Na, Bub? Hast du die Sonne noch nicht?“—

DIE VON DEN FAUNEN GEPEITSCHTE LASTER_Zäunemann_H.


Auf einmahl reget sich der fast erstickte Trieb;
Das, was ich sonst gescheut, gewinn ich jetzo lieb;
Das, was ich bloß aus Furcht, es möchte nicht gelingen,
Bißher zurück gesetzt, das will ich jetzo singen.

Caliope! dein Rohr, dein sanftes Sayten=Spiel,
Das mich bezaubert hielt, und Göttern wohlgefiel,
Mag dort im Winkel ruhn: ein Satyr läßt sich spühren.
Der soll an deiner statt mich auf den Pindus führen.

Ihr Götter! die ihr sonst so graß und heßlich seyd;
Vor deren Gegenwart das Frauen=Volck sich scheut,
Und schüchtern lauft und flieht, als ob ein Mörder käme,
Der ihnen mit Gewalt Kranz, Schmuck und Leben nähme.

Ihr seyd jetzt meine Lust und liebstes Augenmerk.
Hier habt ihr meine Hand, kommt! führt mich auf den Berg,
Wo Phöbus und sein Volk im Lorbeer-Walde tanzen.
Kommt! lasset mich durch euch mein Glück bey ihnen pflanzen.

Sezt eure Füsse nett, und laßt mich heute sehn,
Ob ihr so künstlich springt, wie ehemahls geschehn.
Spielt nur so gut ihr könnt, auf Pfeiffen oder Flöthen.
Ihr dürft, weil ihr schon roth, euch nicht dabey erröhten.

Auf! macht mir eine Lust! und auch dem Musen=Fürst;
Und singt der Welt zu Trutz, die schon die Zähne knirst.