DIE NATUR_Brezina_O.


Es tönten melodisch die verborgenen Quellen und mein Tag sang sein Lied zu dieser Musik
an den melancholischen Gestaden.
Die Trauer einstigen Lebens, aus dem ich hervorging, entstieg allen Düften
und dem Flüstern der Bäume und dem schweren Geläut der Insekten über den Wassern,
und ganze Jahrhunderte lagen zwischen ihnen und meiner blumenpflückenden Hand,
zwischen meinen Augen und der Welt voll Geheimnis,
die mit tausend fragenden Blicken stumm meine Seele durchforschte.

Gewölk verdunkelte die westliche Sonne. Und meine Seele befragte die Winde:
Sind dieses nahende oder fliehende Wolken?
Verstummten die Winde, zu gehorsamen Spiegeln glätteten sich die Wasser,
und die Sterne, wie Brände in den kalten Wogen strahlender Meere verlöschend,
erbrausten und rauschten über mir, unsichtbar:
Es schwindet das Licht nur beim Nahen größeren Lichtes,
eines noch größeren, größeren Lichtes.

JUNGFRAU von TREIDEN_Cammerer_A


Ein Oheim, der die Gartenkunst
In Meisterschaft betrieben:
War noch, in langbewährter Gunst,
Dem Jüngling hold geblieben.

Sein liebes Thal-Asyl umwand
Ein Garten, sonder Gleichen;
Denn alle Gärten, weit im Land‘,
Sie mussten diesem weichen.

Und hier, in ländlicher Natur,
Gewiegt auf ihrem Throne;
Vertraut mit Blumen jeder Flur,
Mit Blüthen jeder Zone!

Hier, in der besten Schule war
Die Probe bald gelungen;
Der Jüngling sah, nach Einem Jahr,
Den Meistergrad errungen!

SONNE_Dehml_P.

Sonne scheint draußen und scheint in die Stube,
unten am Boden kugelt mein Bube,
greift nach den schimmernden, flimmernden Stäubchen;
ich sitze am Fenster und nähe ein Häubchen,
ein ganz kleines Häubchen aus weißem Batist.
Ob’s wohl ein Mädel ist?—
Und hat’s seine Augen, seinen trotzfrohen Sinn,
dann weiß kein Mensch, wie glücklich ich bin!
Bloß Er—Er—sein liebes Gesicht— —
„Na, Bub? Hast du die Sonne noch nicht?“—

DIE VON DEN FAUNEN GEPEITSCHTE LASTER_Zäunemann_H.


Auf einmahl reget sich der fast erstickte Trieb;
Das, was ich sonst gescheut, gewinn ich jetzo lieb;
Das, was ich bloß aus Furcht, es möchte nicht gelingen,
Bißher zurück gesetzt, das will ich jetzo singen.

Caliope! dein Rohr, dein sanftes Sayten=Spiel,
Das mich bezaubert hielt, und Göttern wohlgefiel,
Mag dort im Winkel ruhn: ein Satyr läßt sich spühren.
Der soll an deiner statt mich auf den Pindus führen.

Ihr Götter! die ihr sonst so graß und heßlich seyd;
Vor deren Gegenwart das Frauen=Volck sich scheut,
Und schüchtern lauft und flieht, als ob ein Mörder käme,
Der ihnen mit Gewalt Kranz, Schmuck und Leben nähme.

Ihr seyd jetzt meine Lust und liebstes Augenmerk.
Hier habt ihr meine Hand, kommt! führt mich auf den Berg,
Wo Phöbus und sein Volk im Lorbeer-Walde tanzen.
Kommt! lasset mich durch euch mein Glück bey ihnen pflanzen.

Sezt eure Füsse nett, und laßt mich heute sehn,
Ob ihr so künstlich springt, wie ehemahls geschehn.
Spielt nur so gut ihr könnt, auf Pfeiffen oder Flöthen.
Ihr dürft, weil ihr schon roth, euch nicht dabey erröhten.

Auf! macht mir eine Lust! und auch dem Musen=Fürst;
Und singt der Welt zu Trutz, die schon die Zähne knirst.

DIE SCHÖNE NUNA-KAWA-HIME SPRICHT ZUM GOTT DER ACHTMALTAUSEND SPEERE_Bethge H.

Wenn erst die Sonne hinterm Berg verschwand,
In rabenschwarzer Nacht komm ich heraus,
Und du wirst nahen wie die Morgenröte,
Mit Lächeln und mit strahlendem Gesicht.
Und deine Arme, die so schimmernd weiss
Wie Taku-Rinde glänzen, wirst du zärtlich
Auf meinen Busen legen, der dem Schnee
An Zartheit gleicht. Und eng verschlungen werden
Wir liegen und uns kosen und die Arme
Als Kissen unters Haupt uns betten, während
Die Schenkel nahe beieinander ruhn.

Sprich mir von Liebessehnsucht nicht zu sehr,
Du grosser Gott der achtmaltausend Speere!

Wenn erst die Sonne hinterm Berg verschwand,
Komm ich heraus.

MICHELANGELO GEDICHTE UND BRIEFE_Hasenclever_S

Für tausend Liebende bist du geboren
In Engelsschönheit! Schläft der Himmel heute,
Dass du des einen Beute,
Du allen einst geschenkt und nun verloren?
Sind wir, ach fern geboren,
Nicht ganz verschmäht, so lass für uns auch tagen,
Für uns Verbannte deiner Augen Sonnen!“
„Wohlan, nicht sinke euer Mut, ihr Toren,
Denn nicht den grossen Raub lässt grosses Zagen
Geniessen den, der mich zum Schein gewonnen;
Und seht, ist nicht inmitten aller Wonnen
Unfähig zum Genusse sein, viel schlimmer,
Als dulden bei der Hoffnung fernstem Schimmer?

WENN MEIN HERZ GESUND WÄR_Lasker-Schüler_E


Wenn mein Herz gesund wär, spräng ich zuerst aus dem Fenster; dann ging ich in den Kientopp und käm nie wieder heraus.

Es ist mir genau so, als ob ich das große Los gewonnen hab’ und noch nicht ausbezahlt bin, oder auf einer Pferdelotterie einen Gaul gewonnen hab’ und keinen Stall „umsonst“ auftreiben kann.

Das Leben ist doch eigentlich ein Wendeltreppendrama, immer so rund herauf und wieder hinunter, immer um sich selbst wie bei den Sternen.

Ich bin in freudiger Verzweiflung, in verzweifelter Freudigkeit; am liebsten machte ich einen Todessprung oder einen Jux.

Meine Freundin Laurentia zecht wie ein Fuchs, sie studiert die Sprache der alten Herren, ich meine Griechisch und Lateinisch, und macht gute Fortschritte.
Aber was geht mich das alles an; ich will nichts wissen, nichts.

Wenn es nur nicht klopfen würde!

LIEDCHEN DES HARLEKIN_Hofmansthal_H

Lieben, Hassen, Hoffen, Zagen,
Alle Lust und alle Qual,
Alles kann ein Herz ertragen
Einmal um das andere Mal.

Aber weder Lust noch Schmerzen,
Abgestorben auch der Pein,
Das ist tödlich deinem Herzen,
Und so darfst du mir nicht sein!

Mußt dich aus dem Dunkel heben,
Wär es auch um neue Qual,
Leben mußt du, liebes Leben,
Leben noch dies eine Mal!

EIN WINTERMÄRCHEN_Heine_H.

Was sich in jener Wundernacht
Des weitern zugetragen,
Erzähl ich euch ein andermal,
In warmen Sommertagen.

Das alte Geschlecht der Heuchelei
Verschwindet, Gott sei Dank, heut,
Es sinkt allmählich ins Grab, es stirbt
An seiner Lügenkrankheit.

Es wächst heran ein neues Geschlecht,
Ganz ohne Schminke und Sünden,
Mit freien Gedanken, mit freier Lust –
Dem werde ich alles verkünden.

Schon knospet die Jugend, welche versteht
Des Dichters Stolz und Güte,
Und sich an seinem Herzen wärmt,
An seinem Sonnengemüte.

GRUSS AN DIE KLEINEN_Demel_P

Ich möcht euch alle miteinander
auf bunten Wiesen sehn,
bei Klarinetten und Geigen
die Füßchen im Tanze drehn.

Ich möcht euch alle miteinander
mitnehmen im Fliegerkahn,
euch die schöne Erde zeigen,
und was fleißige Menschen getan.

Ich möcht euch alle miteinander
still führen an der Hand,
euch heimliche Dinge sagen
von Gott und dem Sternenland.