AN EINE FREUNDIN_Morgenstern_Ch

Laß den Helden in deiner Seele nicht sterben!
Welkst du hin wie die Blume, der Baum im Herbst,—
höre nimmer doch auf, um den Kranz zu werben!

Alle andern Kränze bleiben zurücke,
schwinden hin wie die Glieder, die sie bedecken …
Dieser bleibt dir allein auf der großen Brücke—

hält dir droben die Geisterstirn noch umschlossen:
und dereinst, wenn du wieder hinabgestiegen,
wirst du gehn, wie von heiligem Schein umflossen.

LIEBESGEDICHTE_Huth_R.



GESTERN weint ich in den Schoß des Glückes:
Ach, mir fehlt die Sonne deines Blickes!

Laß mich, laß mich deine stolzen süßen
Goldnen Augen einmal noch genießen,

Daß ich froh die Blicke wieder wende
Auf den Tanz der Weltallsgegenstände,

Und das Glöckchen wieder höre klingen
Lieblich in den bunten Erdendingen.

Da erblickt ich in der großen Ferne
Eine Wiese voller Blumensterne,

Überrieselt von der Sonne Röte,
Bienenübersummt wie Hauch der Flöte,

Und das Glück sprach: Sieh, so wirst du liegen
Und dich an zwei traute Lippen schmiegen.

Aber einst, nach langen Sommertagen – – –
Und da schwieg es, wollte nichts mehr sagen.

IN DER FREMDE_Bethge_H

Verbannt von meinem Kaiser, leb ich nun
Fünf Jahre schon in fremdem, wildem Lande,
Entbehrend deinen Anblick, süsses Weib.

Nie darf ich mehr zur Nacht mein müdes Haupt
Auf deinem lieben, weichen Arme betten;
Hör, was ich tat in meiner Einsamkeit:

Ich säte Nelken aus in meinem Garten;
Wenn sie in Blüte stehn, so denk ich immer
An dich, die meine schönste Nelke war.

Dies ist der einzige Trost, geliebtes Weib,
In meiner öden Fremde. Ohne ihn
Würf ich mein Leben unbedenklich ab.

RIESENGROSS WUCHS MEINE LIEBE_zur_Linde_O

Riesengross wuchs meine Liebe ins quellende Rund,
Schwellend umschlang sie die Fülle der Welt,
Alles zu einen in einem, vom Gipfel zum Grund,
Weit zu dehnen ins Weite ein Zelt

Über das Volle und Leere, sich selbst zu umschliessen.
Ach! aber die Liebe
Alles umschliessend schloss sie sich aus.
Folgte die Ebbe der Flut und trank ihre sickernden Wogen
Sehnsucht saugend in Demut, verschrumpft;
Enger und enger des Dus umklammernde Bogen;
Naht des Vergehens urwerdende Kunst.
All-einstrahlend im Brennpunkt welcher sich selber verbrennt,
bejaht sich das Leben
Weil es im Tode sich selber verneint.

GENESUNG_Hardekopf_F

Da Stund’ um Stunde, selbst die bängste,
Wie silbergraues Plätschern kam,
Da ward’s ein Tag, wo ich die Ängste
Mit lässigstillem Lächeln nahm.

Da tropften alle Qualen linder,
Sie perlten kaum auf meiner Hand,
Sodaß ich, endlich Überwinder,
Nichts mehr zu überwinden fand.

DIE HARZREISE_Heine_H

Heller wird es schon im Osten
Durch der Sonne kleines Glimmen,
Weit und breit die Bergesgipfel
In dem Nebelmeere schwimmen.

Hätt‘ ich Siebenmeilenstiefel,
Lief‘ ich mit der Hast des Windes
Über jene Bergesgipfel,
Nach dem Haus des lieben Kindes.

Von dem Bettchen, wo sie schlummert,
Zög‘ ich leise die Gardinen,
Leise küßt ich ihre Stirne,
Leise ihres Munds Rubinen.

Und noch leiser wollt‘ ich flüstern
In die kleinen Lilienohren:
Denk‘ im Traum, daß wir uns lieben,
Und daß wir uns nie verloren!

LIED DER LANDSTRASSE_Whitman_W


Und nun von Stund an erklär ich mich frei von Schranken und eingebildeten Linien,
Ich gehe, wohin ich will, mein eigener Herr völlig und gänzlich,
Ich höre auf andre und prüfe gut, was sie sagen,
Breche ab, empfange, suche, betrachte,
Freundwillig, jedoch unbeugsamen Willens, der Krücken entratend, die mich stützen wollen.

Ich atme die Weiten des Raums ein,
Ost und West sind mein, und Nord und Süd sind mein.
Ich bin weiter, besser als ich vermeint,
Ich wußte nicht, daß ich so gütig sei.

Alles erscheint mir nun schön,
Männern und Fraun kann ich immerzu sagen, ihr waret so gut zu mir, ich wäre grad so zu euch.
Kraft will ich sammeln für mich und für euch, wenn ich wandre,
Unter Männer und Fraun will ich mich streun, wenn ich wandre,
Neue Lust und Herbheit will ich aus ihnen schütteln,
Verleugnet mich einer, so solls mich nicht stören,
Nimmt mich einer auf, ob Mann ob Frau, so sei er gesegnet und wolle mich segnen.

LIEBESGEDICHTE_Huch_R

O blühende Heide, welken wirst du müssen!
Du Sternenantlitz, mußt du auch vergehn?
Es gäb ein andres Glück als dich zu küssen,
Und andre Wünsche als dich anzusehn?
Ihr Seelenaugen, warmes Licht der Liebe,
Erlöschen sollt ihr? nie mehr widerspiegeln
Die goldne Bläue über diesen Hügeln?
Du wärst dahin, und Erd und Himmel bliebe?

DIE VON DENEN FAUNEN GEPEITSCHTE LASTER_Zäunemann_S_H

Das grose Licht der Welt theilt sonst die Stunden ein,
Und ordnet wenn es Tag, und wenn es Nacht soll seyn;
Allein der Müßiggang setzt andre Zeit und Gränzen,
Wenn um die Morgenwach Aurorens Strahlen glänzen;
So liegt und schlummert er noch in der ersten Ruh.
Deckt aber alles Fleisch ein stiller Schatten zu,
So pflegen allererst die Augen aufzuwachen,
Da will man erst ein Stück von Schrift und Acten machen,
Und denkt nicht, daß man sich das schönste Licht verblendt,
Wenn man ein Fremdes braucht, und Geld darzu verschwendt.

WINDFREUDE_Dehml_P

Wenn der Wind über Wiesen und Felder rennt,
renn ich mit;
da denk ich, daß ich fliegen kann,
und guck mir lustig die Vögel an,
susewitt, susewitt.

Wenn der Wind durch die Sträucher und Bäume fegt,
feg ich mit;
die Blütenkätzchen feg ich zu Hauf
und setz mir vom Ahorn ein Nasenhütchen auf,
susewitt, susewitt.

Wenn der Wind durch die Turmlöcher singt und pfeift,
pfeif ich mit;
sein Jodler wird mir gar nicht schwer,
und den Brummbaß lern ich nebenher,
susewitt, susewitt.