LIEDCHEN DES HARLEKIN_HOFMANNSTHAL_H

Lieben, Hassen, Hoffen, Zagen,
Alle Lust und alle Qual,
Alles kann ein Herz ertragen
Einmal um das andere Mal.

Aber weder Lust noch Schmerzen,
Abgestorben auch der Pein,
Das ist tödlich deinem Herzen,
Und so darfst du mir nicht sein!

Mußt dich aus dem Dunkel heben,
Wär es auch um neue Qual,
Leben mußt du, liebes Leben,
Leben noch dies eine Mal!

EIN WINTERMÄRCHEN_Heine_H.

Was sich in jener Wundernacht
Des weitern zugetragen,
Erzähl ich euch ein andermal,
In warmen Sommertagen.

Das alte Geschlecht der Heuchelei
Verschwindet, Gott sei Dank, heut,
Es sinkt allmählich ins Grab, es stirbt
An seiner Lügenkrankheit.

Es wächst heran ein neues Geschlecht,
Ganz ohne Schminke und Sünden,
Mit freien Gedanken, mit freier Lust –
Dem werde ich alles verkünden.

Schon knospet die Jugend, welche versteht
Des Dichters Stolz und Güte,
Und sich an seinem Herzen wärmt,
An seinem Sonnengemüte.

GRUSS AN DIE KLEINEN_Demel_P

Ich möcht euch alle miteinander
auf bunten Wiesen sehn,
bei Klarinetten und Geigen
die Füßchen im Tanze drehn.

Ich möcht euch alle miteinander
mitnehmen im Fliegerkahn,
euch die schöne Erde zeigen,
und was fleißige Menschen getan.

Ich möcht euch alle miteinander
still führen an der Hand,
euch heimliche Dinge sagen
von Gott und dem Sternenland.

JAHRE DES MODERNEN_Whitman_W

Jahre des Modernen! Jahre des Unfertigen!
Euer Horizont erhebt sich, ich seh ihn schwinden für erhabnere Dramen,
Ich sehe nicht bloß Amerika, nicht bloß die Freiheitsnation, sondern andre Nationen bereit,
Ich sehe erschütternde Auftritte und Abgänge, neue Zusammenschlüsse, die Gemeinschaft der Rassen,
Ich seh diese Macht mit unwiderstehlicher Gewalt auf die Weltbühne treten,
(Haben die alten Mächte, die alten Kriege ihre Rolle gespielt? sind die Akte, die ihnen gemäß sind, zu Ende?)
Ich sehe die Freiheit, völlig gewappnet, siegreich und herrlich, links vom Gesetz und rechts vom Frieden geleitet,
Ungeheures Trio einig im Schritt gegen das Kastenwesen;
Was für geschichtlichen Schürzungen eilen wir zu?
Ich sehe Männer hin und wieder marschieren in raschen Millionen,
Ich sehe die Grenzen und Schranken der alten Aristokratien zertrümmert,
Ich sehe die Grenzsteine europäischer Könige entfernt,
Ich sehe den Tag, wo das Volk seine Grenzsteine setzt (alle andern verschwinden);
Nie wurden so scharfe Fragen gestellt wie heute,
Nie war der Durchschnittsmensch, seine Seele, energischer, näher an Gott,
Hört, wie er drängt und drängt und den Massen nicht Ruhe läßt!
Sein kühner Fuß ist allenthalben zu Land und See, den Stillen Ozean besiedelt er und die Inselmeere,
Mit dem Dampfer, dem elektrischen Telegraphen, der Zeitung, den Welthandels-Kriegsmaschinen,
Damit und mit den Fabriken in aller Welt verkettet er alle Länder zu einer Geographie;
Was für ein Flüstern, o Länder, läuft über euch weg, schlüpft unter den Meeren durch?
Sind alle Völker geeint? Soll der Erdball nur ein Herz noch haben?
Bildet sich Menschheit im großen? wahrlich, Tyrannen erzittern, Kronen verdüstern,
Ein neues Zeitalter setzt sich die störrische Erde, vielleicht allgemeinen heiligen Krieg,
Niemand weiß, was nächstens geschieht, solche Zeichen füllen Tage und Nächte;
Jahre der Prophetie! der Raum, wie ich vorwärts strebe und umsonst mich mühe, ihn zu durchdringen, ist voller Gespenster,
Ungeborene Taten, Dinge, die bevorstehn, werfen ihre Schatten um mich,
Diese unglaubliche Hast und Hitze, diese seltsam ekstatischen Fieberträume, o Jahre!
Eure Träume, o Jahre, wie durchbohren sie mich! (ich weiß nicht, schlaf ich oder wach ich;)
Das fertige Amerika und Europa verglimmen, fallen schattenhaft von mir ab,
Das Unfertige, riesenhafter als je, dringt auf mich, dringt auf mich ein.

FROHE BOTSCHAFT_Dehmel_P

Früh, eh ich’s konnt begreifen,
hört ich schon etwas pfeifen,
hört ich Schon etwas brummen,
wie tausend Bienen summen.
Was ist denn los? Ach ja:
der Weihnachtsmann ist da!

Die Raben und die Spatzen,
sie müssen’s weiterschwatzen;
in alle Häuser dringt es,
von allen Glocken klingt es.
Was läuten sie? O ja:
der Weihnachtsmann ist da!

Mit seinem braven Esel
zieht er von Thorn bis Wesel;
wo Mädels sind und Buben,
tritt er in ihre Stuben
und langt aus Sack und Taschen
zum Spielen was und Naschen.
Wo habt ihr’s her? Na ja:
der Weihnachtsmann war da!

EDGAR ALLAN POE_Ewers_H

Aber wie die Nachtigallen schluchzen seine Träume der Sehnsucht. Und aus der Seele einer Nachtigall scheint die Stimme gemacht, die sie sang. So rein, so ohne Makel; die heilige Cäcilia möchte aus Neid ihre Geige zerbrechen und Apoll seine Leier zerschlagen. War dem Dichter in seinen Verbrecherträumen keine Hölle tief genug, so war ihm in diesen heiligen Gesängen kein Himmel zu hoch.

LXI FELDMANN_Meyer_C_F


Land, Wasser, Himmel—rings dasselbe Grau!
Wer ahnte deine Anmut, Ufenau?
Im Schilfe schwadert eine Entenschar
Und kündet frühen Winter diesem Jahr.

Des Schaffners „Feldmann“ stellt zur Jagd sich dort.
Noch eine Birsch, bei meinem Ritterwort!

Mir hangt ein ländlich Armbrust an der Wand…
Hier ist’s! Der Spanner fehlt, ich spann‘ von Hand…

Gehorche, Ding! Schon manches Seil gestrafft
Hat diese Faust… Verdammt! Mir fehlt die Kraft!

Wie? eine Träne?… Nieder, täppisch Tier!
Der wackre Köter leckt die Wange mir.

Gelt, wer die Armbrust nicht mehr spannen kann,
In deinen Augen ist’s ein armer Mann!

Die wilde Jagd des Lebens geht zu End…
Komm! Sehn wir, ob im Herd ein Feuer brennt.

AN EINE FREUNDIN_Morgenstern_Ch

Laß den Helden in deiner Seele nicht sterben!
Welkst du hin wie die Blume, der Baum im Herbst,—
höre nimmer doch auf, um den Kranz zu werben!

Alle andern Kränze bleiben zurücke,
schwinden hin wie die Glieder, die sie bedecken …
Dieser bleibt dir allein auf der großen Brücke—

hält dir droben die Geisterstirn noch umschlossen:
und dereinst, wenn du wieder hinabgestiegen,
wirst du gehn, wie von heiligem Schein umflossen.

LIEBESGEDICHTE_Huth_R.



GESTERN weint ich in den Schoß des Glückes:
Ach, mir fehlt die Sonne deines Blickes!

Laß mich, laß mich deine stolzen süßen
Goldnen Augen einmal noch genießen,

Daß ich froh die Blicke wieder wende
Auf den Tanz der Weltallsgegenstände,

Und das Glöckchen wieder höre klingen
Lieblich in den bunten Erdendingen.

Da erblickt ich in der großen Ferne
Eine Wiese voller Blumensterne,

Überrieselt von der Sonne Röte,
Bienenübersummt wie Hauch der Flöte,

Und das Glück sprach: Sieh, so wirst du liegen
Und dich an zwei traute Lippen schmiegen.

Aber einst, nach langen Sommertagen – – –
Und da schwieg es, wollte nichts mehr sagen.

IN DER FREMDE_Bethge_H

Verbannt von meinem Kaiser, leb ich nun
Fünf Jahre schon in fremdem, wildem Lande,
Entbehrend deinen Anblick, süsses Weib.

Nie darf ich mehr zur Nacht mein müdes Haupt
Auf deinem lieben, weichen Arme betten;
Hör, was ich tat in meiner Einsamkeit:

Ich säte Nelken aus in meinem Garten;
Wenn sie in Blüte stehn, so denk ich immer
An dich, die meine schönste Nelke war.

Dies ist der einzige Trost, geliebtes Weib,
In meiner öden Fremde. Ohne ihn
Würf ich mein Leben unbedenklich ab.